2022

Artikel Nr. 1

ECHT HECHT

WELTWEIT MAGAZIN

IM AUGE DES BETRACHTERS 

Die Kolumne mit dem besonderen Augenmerk

Von Norbert Hecht (damals noch ohne dem Zusatz: "Die Kolumne mit dem besonderen Augenmerk," erschien 2005/2006 in der Deutschen Tageszeitung "Ebersberger Zeitung", Landkreisausgabe des "Münchner Merkur". In dieser seiner eigenen Rubrik machte er sich Gedanken zu streitbaren Themen der Zeit, wie "Darf die Kunst für Politik werben?", Sterbehilfe oder Gleichberechtigung von Frauen...

Anläßlich einer Anfrage, in Form eines literarischen Beitrags am "Markt² Schwabener KUNST PFAD" mit zu wirken, entschloß er sich kurzerhand seine Kolumne wieder aufzunehmen. Seit Februar 2021, heißt es hier an dieser Stelle (jeden dritten Montag im Monat) wieder: IM AUGE DES BETRACHTERS von Norbert Hecht.

Aktueller Artikel vom 17.01.2022

IM AUGE DES BETRACHTERS 

Die Kolumne mit dem besonderen Augenmerk

Ist Nichtstun überhaupt möglich, 

wie auch unbedingt nötig? 

VON 

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Am 16. Januar ist der Tag des Nichtstuns, zumindest in den USA und dort bereits seit 1973. Dieser Tag wurde vom US-Journalisten Harold Pullman Coffin als „National-Do-Nothing-Day“ ausgerufen. Im schon immer stark an Wachstum orientierten Amerika war dies damals eher ein Unding, ja ein Angriff auf die amerikanischen Werte von Profit und ständiger Ertragssteigerung. Doch mittlerweile hat an diesem Tag immerhin etwa ein Drittel der Amerikaner frei, um sich dem Nichtstun tatsächlich hingeben zu können. Immer häufiger wird auch anderswo auf der Welt diesem Tag zumindest, wenn nicht „frei“, aber immerhin gedacht. 

 

Doch Nichtstun ist aber eigentlich ein Widerspruch in sich, also ein echtes Paradoxon. Denn wenn man tatsächlich nichts tut, wäre man ja tot. Auch wenn man schläft, tut man etwas: Man schläft. Auch an nichts denken geht nicht, denn man kann seine Gedanken nicht abstellen. Das Gehirn tut immer etwas und wenn es nur über sich selbst nachdenkt. Selbst wenn man es schaffen würde, tatsächlich keinen einzigen Gedanken zu haben, tut man etwas, selbst wenn es „nur“ das Atmen ist. 

 

Der Müßiggang wurde und wird teilweise immer noch in der Katholischen Kirche mit Faulheit gleichgesetzt, wird als Sünde, gar als Todsünde angesehen. Was aber früher war, ist heutzutage ein ganz anderer Gedanke, der dahintersteht. Müßiggang, das süße Nichtstun, ist unbedingt nötig, um in der Kunst überhaupt etwas erschaffen zu können. Man braucht diese Zeit des angeblichen Nichtstuns aber auch, um eine Pause zu haben, um Abstand zu gewinnen von allem, vielleicht auch mal von sich selbst, eine Pause zu nehmen, den Kopf frei zu bekommen.  Für anderes oder einen anderen Blickwinkel, um so auch besser eine Lösung zu finden. 

 

Es geht ja aber auch vielmehr um Entschleunigung an sich und für sich selbst, von der immer hektischer werdenden Welt und dem damit verbundenen hektischen Alltag eines jeden, selbst an freien Tagen. So verwundert es auch nicht, dass sich der eingangs erwähnte Harold Pullman Coffin bereits in den 70ern des letzten Jahrhunderts damit auseinandersetzte. Waren die 70er doch auch das erste Jahrzehnt des Massenkonsums. Und gerade jetzt im hier und heute ist es doch auch immer wichtiger geworden, das Nichtstun. Denn selbst in der Freizeit gibt es viel zu vieles, was einen tatsächlich abhält vom Nichtstun. Dem wohl eigentlichen Sinn dahinter – dem Abschalten. Und dies dann auch bewusst und freiwillig wirklich von Zeit zu Zeit tun zu können. 

 

Wie man es auch sehen mag, ein bloßer Gedanke ans Nichtstun ist doch die reinste Blasphemie, denn nur ein Gott kann nichts tun oder aus nichts etwas erschaffen. Aber auch hier ist die Menschheit wieder gespalten, denn für den einen gibt es keinen Gott oder Götter und für andere schon. So ist das Ganze in Wahrheit genau genommen eine höchst philosophische Frage. Doch was heißt hier philosophische Frage? Also, wirklich, so ein Tag kann doch nur die eigene Faulheit fördern und außerdem ist Nichtstun ja ohnehin nicht möglich und wer glaubt er könne es, wirklich nichts zu tun, der meint vielleicht, er könne Gott spielen. Und überhaupt geht es doch ums Nichtstun und daher ist dieser Artikel ohnehin bereits viel zu lang. Aber das ist natürlich wie immer Ansichtssache und liegt somit im Auge des Betrachters.